Verschaff mir Rechat: Misha Tumasov

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Misha Tumasov (43) aus Russland ist Lehrer und Menschenrechtsaktivist. Sein Lebenstraum war es, Priester zu werden. Als schwuler Mann war er jedoch gezwungen, andere Wege zu gehen.

Ich wollte Priester werden und von Gottes Liebe sprechen

Ich wollte Priester werden, seit ich denken kann. Ich war 17, als ich in das Priesterseminar in Moskau eintrat. Irgendwann bemerkte ich, dass ich schwul bin. Ich wusste, wie die Kirche zu Homosexualität steht. Sollte ich wirklich Priester werden? Doch ich konnte mir keinen andern Beruf vorstellen − es fällt mir einfach schwer, nicht anderen Menschen von Gottes Liebe vorzuschwärmen. Wenn du über die Liebe Gottes sprichst, lädt sich dein Herz mit Liebe auf wie eine Batterie. Und überhaupt: Wo liegt der Unterschied zwischen heterosexuellen und homosexuellen Männern im Zölibat? Nach Jahren im Priesterseminar vertraute ich mich meinem Bischof an und sagte ihm, dass ich schwul sei. Er sagte, dass ich meine Ausbildung nicht mehr fortsetzen könne. Es fühlte sich an wie eine Form von Exil: Ich hatte das Gefühl, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Alles in meinem Leben war auf die Kirche ausgerichtet, die Kirche war meine Familie.

Ich bin keine Sexbestie oder ein Vergewaltiger

Ich studierte Englisch und wurde Lehrer, wollte aber trotzdem mit der Kirche verbunden sein. Ich zog in eine andere Stadt und engagierte mich in der kirchlichen Jugendarbeit. Doch sobald ich dem Priester meiner neuen Gemeinde gestand, dass ich schwul bin, wurde ich von den Jugendlichen ferngehalten, als wäre ich eine Sexbestie oder ein Vergewaltiger. Das verletzte mich sehr. Seither engagiere ich mich dafür, innerhalb der katholischen Kirche Toleranz und Akzeptanz für schwule und lesbische Menschen zu erreichen. Ich habe eine katholische LSBT-Organisation gegründet.

Homophobe Verbrechen ohne Konsequenzen

Es gibt in Russland viele homophobe Verbrechen, die nicht geahndet werden. In der Tschetschenischen Republik gab es bis 2017 Gefängnisse, in welchen Homosexuelle gefoltert und getötet wurden – von der örtlichen Polizei und der Regierung! Was den Rest des Landes betrifft, so ist es nicht so schwer wiegend. Das Anti-Propaganda-Gesetz verbietet, vor Minderjährgen über Homosexualität zu sprechen, um diese nicht zu „motivieren”. Da es überall im öffentlichen Raum Minderjährige geben kann, ist es fast unmöglich, über Homosexualität aufzuklären. Tut man es, kann die Strafe bis zu 15.000 Euro betragen, je nachdem, wie die „Propaganda” verbreitet wurde. Eine gute Freundin von mir musste 1.000 Euro Strafe zahlen, weil sie zwei Artikel des „Guardian” über gleichgeschlechtliche Ehen in Irland auf Social Media geteilt hatte.

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